Wissenschaft am Point of Care: Die niedergelassene Schwerpunktpraxis als Motor der diabetologischen Forschung

Ein Fundament unseres medizinischen Fortschritts, das im öffentlichen Diskurs häufig unterschätzt wird: Die klinische Studien- und Forschungsarbeit in der niedergelassenen diabetologischen Schwerpunktpraxis.

Während die Grundlagenforschung und frühe Phase-I-Studien traditionsgemäß an den Universitätsklinika und/oder speziellen klinischen Forschungszentren verankert sind, hat sich der Schwerpunkt der späten klinischen Phasen (Phase II bis IV) sowie der Medizintechnik-Evaluation in den vergangenen Jahren maßgeblich in den ambulanten Sektor verlagert. In Hamburg zeigt sich eindrucksvoll: Die niedergelassene Praxis ist heute ein hochspezialisiertes Forschungszentrum am Point of Care, das entscheidend dazu beiträgt, Innovationen sicher und schnell in die Regelversorgung zu überführen.

Versorgungsnahe Evidenz: Warum ambulante Studienzentren unverzichtbar sind

Die Anbindung klinischer Prüfungen an zertifizierte Schwerpunktpraxen schließt die Lücke zwischen hochkontrollierten Studienbedingungen und der alltäglichen Versorgungsrealität. Dies bietet entscheidende wissenschaftliche und strukturelle Vorteile:

  • Repräsentative Patientenkollektive: Im ambulanten Setting werden Therapien an einem heterogenen Patientenkollektiv evaluiert – inklusive relevanter Komorbiditäten und realistischer Adhärenzbedingungen. Dies ist die Voraussetzung für valide Real-World-Data (RWD).
  • Frühzeitiger Zugang zu Innovationen: Patientinnen und Patienten erhalten im Rahmen von RCT -Studien (Randomized Controlled Trial) frühzeitig Zugang zu neuartigen Wirkstoffklassen und modernsten Medizintechniken, begleitet von einer intensiven, engmaschigen Betreuung durch das Prüfarzt-Team.
  • Technologische Validierung im Alltag: Die Evaluation von Systemen zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM), Automated Insulin Delivery (AID) sowie KI-gestützten Entscheidungsunterstützungen erfordert die Erprobung im realen Lebensumfeld der Betroffenen. Ambulante Prüfzentren liefern hierfür die maßgeblichen Daten zur Handhabbarkeit und Verlässlichkeit.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte in der diabetologischen Praxis

Die Forschungslandschaft in den Hamburger Schwerpunktpraxen spiegelt die Dynamik unserer Fachdisziplin wider:

  • Inkretingestützte Therapien & Multi-Agonisten: Die Weiterentwicklung von Dual- und Triple-Rezeptor-Agonisten (GLP-1/GIP/Glukagon) zur kardio-renalen Protektion und Stoffwechseloptimierung bildet einen zentralen Schwerpunkt aktueller Studienphasen.
  • Neuartige Insulinformulierungen: Die klinische Erprobung von einmal wöchentlich zu verabreichenden Basalinsulinen fordert im ambulanten Sektor eine präzise Patientenselektion und strukturierte Schulungskonzepte.
  • Smart Devices & Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA): Neben Arzneimitteln rückt die Prüfung von Medizintechnik unter den Anforderungen der europäischen Medizinprodukte-Verordnung (MDR) stärker in den Fokus niedergelassener Prüfzentren.

Qualitätsgewinn und Standortvorteil für Hamburg

Klinische Forschung in der Praxis erfordert hohe Investitionen in Struktur- und Prozessqualität. Die Arbeit nach den strengen Richtlinien der Good Clinical Practice (GCP) sowie die Verordnung über klinische Prüfungen (EU-CTR) setzen hochqualifizierte Teams aus Prüfärztinnen, Prüfärzten und spezialisierten Study Nurses voraus.

Dieser Aufwand zahlt sich für den gesamten Medizinstandort Hamburg aus:

  1. Exzellenzförderung: Praxen, die aktiv forschen, halten ihr gesamtes Team auf dem neuesten Stand der wissenschaftlichen Evidenz.
  2. Sektorübergreifende Kooperation: Die Zusammenarbeit zwischen ambulanten Prüfzentren, klinischen Abteilungen und den universitären Instituten stärkt das diabetologische Netzwerk der Hansestadt.
  3. Attraktivität als Arbeitgeber: Für Nachwuchsmediziner:innen und Fachpersonal bietet die Kombination aus ambulanter Versorgung und klinischer Forschung hochattraktive Betätigungsfelder.

Ausblick: Forschung als Bündnisaufgabe

Die Hamburger Gesellschaft für Diabetes setzt sich dafür ein, die Rahmenbedingungen für die Praxis-Forschung weiter zu stärken.

Wir danken allen Kolleginnen und Kollegen sowie den Studienteams in den Hamburger Praxen, die durch ihr Engagement die diabetologische Wissenschaft tagtäglich vorantreiben.

 

Veröffentlicht am 10.09.2026

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