Fokus „Diabetisches Fußsyndrom“: Das perkutane Release der Flexor-digitorum-longus-Sehne in der Ulkustherapie

In der Therapie des Diabetischen Fußsyndroms (DFS) entscheidet oft das frühzeitige Erkennen biomechanischer Fehlbelastungen über den Erhalt einer Extremität. In dieser Ausgabe unseres Newsletters widmen wir uns daher einem hochwirksamen, minimalinvasiven Eingriff, der über die Jahre zunehmend an Bedeutung gewonnen hat: dem perkutanen Release (Tenotomie) der Flexor-digitorum-longus-Sehne (FDL).

Während konservative Druckentlastungen essenziell bleiben, bietet dieser kleine chirurgische Eingriff bei therapierefraktären oder rezidivierenden Ulzera an den Kleinzehen eine kausale und dauerhafte Lösung.

Die biomechanische Rationale: Wenn der Muskelzug zum Risiko wird

Der Pathomechanismus apikaler Kleinzehenulzera liegt zumeist in der diabetischen sensomotorischen Neuropathie begründet.

  • Muskuläre Dysbalance: Durch die Atrophie der kleinen, intrinsischen Fußmuskulatur entsteht ein Überwiegen der langen, extrinsischen Beugemuskulatur – insbesondere des Musculus flexor digitorum longus.
  • Fehlstellung: Dieser unphysiologische Muskelzug führt zur typischen Krallenzehenfehlstellung der Kleinzehen.
  • Fokaler Druck: Die Folge sind extreme lokale Spitzendrücke, die auch durch aufwendige orthopädische Schuhzurichtungen oft nicht mehr ausreichend entlastet werden können. Ein Ulkus ist in der Folge nahezu unvermeidlich.

Das perkutane FDL-Release: Minimaler Eingriff, maximale Wirkung

Das perkutane Release der FDL-Sehne durchbricht diesen Teufelskreis effektiv. Der Eingriff zeichnet sich durch seine schonende Durchführung aus, die auf unser Patientenklientel zugeschnitten ist:

  • Sicheres Setting: Die Durchtrennung oder Verlängerung der Sehne erfolgt minimalinvasiv über eine winzige Stichinzision, in der Regel auf Höhe des distalen Interphalangealgelenks.
  • Geringe Belastung: Der Eingriff kann meist in Lokalanästhesie oder bei fortgeschrittener PNP ohne Anästhesie und ambulant durchgeführt werden.
  • Sofortige Entlastung: Durch die Aufhebung der Plantarisierung des Endgliedes streckt sich die Zehe, der apikale Druck sinkt unmittelbar.

Klinische Evidenz: Internationale Daten und die Erfahrung aus unseren spezialisierten Fußzentren zeigen übereinstimmend: Nach einer FDL-Tenotomie heilen chronische, apikale Ulzera meist binnen weniger Wochen ab. Die Rezidivrate sinkt im Vergleich zur rein konservativen Therapie drastisch.

Die Podologie erkennt oft als Erstes die präulzerösen Hyperkeratosen (Callus). Die Diabetologie steuert das metabolische Umfeld und stellt die Indikation im interdisziplinären Konsil. Die Fußchirurgie führt den minimalinvasiven Eingriff durch, während die Orthopädietechnik im Anschluss die Bettung für die korrigierte Fußstatik anpasst.

Wir als Hamburger Gesellschaft für Diabetes e.V. setzen uns weiterhin nachdrücklich dafür ein, diese kurzen Wege zwischen den Disziplinen zu fördern und strukturell zu festigen. Die frühzeitige Evaluation minimalinvasiver Sehneneingriffe sollte fester Bestandteil jedes DFS-Behandlungspfades sein.

Veröffentlicht am 22.09.2026

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